9.-11. september: faulenzen – flussmeditieren – forelleessen

kloschwitz – kloschwitz – wettin – kloschwitz – halle: 0km/ 13km/ 29km

am ende gönnen wir uns zwei idyllische ruhetage auf dem kleinen campingplatz zur salzquelle, direkt am fluss. wir sitzen auf dem bänkle und schauen dem wasser beim fliessen zu. zählen die boote, die vorbeikommen (acht an einem tag). gucken den flugkünsten der mehlschwalben zu. lassen uns von der sonne brutzeln. abends fledermäuse und sternenhimmel. nachts stressen uns die wühlmäuse, sie beissen die zweite unserer bodenspannschnüre am zelt durch.

einmal über die strasse und wir sind am kneippbecken, das von einer solequelle gespeist wird. eiskalt erfrischend und schmeckt seeehr salzig.
es gibt hier meerschweinchen, kaninchen, kanarien und wellensittiche und einen dobermann.
in den wasserbecken schwimmen forellen, die es dann auf bestellung frisch zum abendessen gibt, etwas fremd mit brokkoli aber sehr lecker mit dillfüllung. eva nimmt das gleich zweimal wahr, andreas kriegt was anderes.

wir machen einen spaziergang auf einem geheimnisvollen rundweg durch den wald an einer schlucht entlang bis ins grasgrüne feuchte quellgebiet. dann den berg hoch und einer südländisch kargen hanglandschaft mit wildem majoran und thymian entlang. einsam, still, bis auf das rhythmische rauschen des windparks hinter den hügeln. reste von kleinen datschas oder ehemaligen weinberghütten (?). ein garten noch aktiv, mit reben.

wir radeln nach wettin, um die stammburg der wettiner anzuschauen. wettins „strassen“ stammen gefühlt noch aus der zeit der ersten wettiner, so holprig, wellig, löchrig ist das pflaster. es ist das „ddr-igste“ dorf, das uns in den drei wochen begegnet ist, bis hin zur dosen-soljanka im burg-cafe. aber die kirche ist innen schon intelligent renoviert, man kann den altarraum mit holzlamellen-elementen abtrennen und hat einen gemeindesaal. alt und neu gut kombiniert. die ersten strassen werden auch neu gemacht.

für den weg zurück nach halle nehmen wir diesmal das linke ufer. dann durch das naturschutzgebiet lunzberge mit den bunten sandsteinfelsen, das wir auf der herfahrt im kampf mit dem gegenwind kaum wahrgenommen haben.

eine andere route nach halle rein richtung bahnhof.
wir besteigen und besichtigen die burgruine giebichenstein aus dem 12. jahrhundert.
wir geniessen im originellen cafe ludwig mit uralten sofas und sesseln milchkaffee und kuchen.
wir besuchen das landesmuseum für vorgeschichte, das nagelneu konzipiert ist. sehr beeindruckend und anschaulich erzählt es vom leben des homo erectus zum homo sapiens, von den völkerwanderungen bis zur himmelsscheibe von nebra: hier sehen wir endlich das original – das ist doch nochmal was anderes als die reproduktion. tolles museum!
dann auf guten radwegen ins hotel.

8. september: schlaglochhopping, grosstadt, die bundesbahn und wir

bad dürrenberg – leuna – merseburg – halle – wettin – kloschwitz: 66km

bei sinnenschein frisch losgeradelt – erinnert ihr euch an die leuna-affaire mit schmiergeldzahlungen im zuge der privatisierung? heute ist das einst grösste ddr-chemiewerk zerschlagen, verschiedene kleine firmen sind auf dem gelände ansässig.

um 10 uhr sind wir schon in merseburg, aber der dom macht erst um 11 uhr auf… schloss und dom sind aber auch von aussen beeindruckend, besonders der innenhof zwischen schloss und kirche.

halle ist voll, chaotisch, viel verkehr auf grossen strassen. wir finden uns kaum zurecht. nachdem wir in mersebrug am bahnhof erfolglos abgewiesen wurden, weil das system nicht läuft, quälen wir uns nun in halle zum bahnhof und versuchen eine zugreservierung für einen ice am samstag oder sonntag zu kriegen, aber es ist erwartungsgemäss alles ausgebucht. wir überlegen die route per nahverkehr (8,5 std), entscheiden uns dann für einen mietwagen, den wir nach einigen versuchen online gebucht kriegen.

nix wie raus aus halle!
der radweg ist nicht besonders gut ausgeschildert, schon vor halle und in der stadt sind beschilderungen immer wieder im nichts versandet. dann jäh rechts eine kleine steile treppe hoch und über eine brücke, verwirrender verkehr, dann wieder saalepark, wir radeln schlaglochslalom und kopfsteinrütteln abwechselnd. nochmal ein schmalster steig aus gittersteinen hinauf auf eine eisenbahnbrücke, kannst froh sein wenn keiner entgegenkommt…
so geht es weiter. vor allem in den dörfern grössere stücke kopfsteinpflaster. kaum zeit, den blick mal vom boden zu heben, um die welt drum herum anzuschauen.
dort wo weg und strasse gut sind, erwischt uns ein heftiger gegenwind. wir strampeln uns regelrecht ab.
puhh, was für ein tag.

nebenbei saaleblicke, störche, reiher, milane am himmel, ein himmel voller schwalben. schöne buntsandsteinfelsen, weite felder. zwei schöne fährefahrten in brachwitz und in wettin – ja, das ist der stammsitz der wettiner.

der kleine ruhige saaleblick-camping in kloschwitz wird jetzt für unsere schluss-ruhe, die wir noch brauchen nach dem vielen radeln und besichtigen, der standort sein.

blumenkohl mit käsesosse und nudeln. blick auf die saale bis es dunkel wird. mäuschen huschen über die wiese. fledermäuse durch die luft.

7. september: sonnenhimmel – sonnenlauf

naumburg – goseck – weissenfels – bad dürrenberg: 48km

ein sonniger tag! die wespen quälen uns schon beim müsli.
kurzer weg in die stadt rein samt steiler wiesenrampe.

naumburg: den dom erkunden, der so viele verschiedene ansichten vereinigt: romanischer ostchor, gotischer westchor, zwei völlig unterschiedliche lettner, kapellen, kreuzgang, marienkirche – wir verweilen.
dann zum marktplatz, bisschen was einkaufen. und punkt 12 uhr mittags holen wir die echte thüringer bratwurst nach!!

schon nach wenigen kilometern in leissling machen wir einen abstecher auf die andere seite der saale nach goseck. wir müssen einen steilen 20%-hang hochschieben, puhh. radeln durchs dorf bis zum sonnenobservatorium: das ist ein doppelter palisadenring mit toren, die genau sonnenauf- und -untergang zur sommer- und wintersonnwende anzeigen, ausserdem das frühlingsfest um den 1. mai. es ist also sowas wie stonehenge, nur ohne steine und viiiel älter. es wurde vor 7000 jahren gebaut und genutzt, 1991 wieder entdeckt, erforscht und originalgetreu wieder aufgebaut. das älteste bekannte sonnenobservatorium der welt. ein beeindruckender ort. wir erinnern uns an die stelenkreise auf den orkneyinseln…
danach in der gosecker schlossanlage besuchen wir das dazugehörige museum, das die entdeckung, ausgrabung, wiederherstellung und bedeutung dokumentiert.
wir trinken was im biergarten. romantisch, gemütlich, lassen uns die sonne auf den pelz brennen.

endlich reissen wir uns los und strampeln weiter. streifen weissenfels, wo heinrich schütz (1585-1672) aufgewachsen ist, komponist wunderbarer mehrstimmiger sehr schlichter gesänge. gondeln oft eher an der eisenbahn entlang statt an der saale (wie das bei flüssen oft so üblich ist).

turmfalken umkreisen den naumburger dom. reiher spielen, wer am längsten warten kann, bis er wegfliegt. störche staken auf der wiese. rehe im langgestreckten galopp übers rübenfeld. ein fuchs an der hecke.

am ende eine längere umleitung: der saaleradweg wird für die landesgartenschau 2022 aufgepeppt. wir freuen uns besonders über das ganz klassische naturkopfsteinpflaster (hat nichts mit normalem „west“-kopfsteinpflaster zu tun), das wir selbst mit den velotraum-„findern“ höchstens im schritt befahren können. und das auf einer d-route!

nach einigen auf und ab landen wir in bad dürrenberg an der salinenanlage: eine riesige lange mauer mit tor zum durchfahren.
campingplatz gibt’s heute nirgends einen. also hotel. wir stürzen uns hungrig auf die speisekarte und eine flasche naumburger steinmeister, rose vom blauen zweigelt – nachdem es gestern abend nur nudelreste mit bolognesesosse ohne bolognese (hackfleisch) gegeben hat. langsam geht die sonne unter.

p.s. für die, die das „dreckbier“ nicht kennen. wir haben es auch erst in böblingen kennengelernt: das ist das bier, das man (frau) vor dem duschen trinkt!

6. september: von verhinderungen, krokodilen und raubgräbern

heldrungen – artern – memleben – nebra – laucha – freyburg – naumburg: 85km

heute endlich viel sonne zwischen den wolken. der wind ist ziemlich kühl. einige kleinere steigungen wärmen uns zwischendurch ein bisschen auf.

ein wenig ist es der tag der verhinderungen: von der wasserburg heldrungen sehen wir nur das portal. sie ist zu, weil coronagemäss nur die juhe-gäste drin sein dürfen… in ser kanustation karsdorf ist der kuchen alle… am ende stehen wir gegenüber dem campingplatz vor naumburg und der fährmann nimmt uns nicht rüber, er macht jetzt feierabend… nach einem 5km- umweg, schnellem zeltaufbau und verzicht aufs duschen erklärt uns die dame im bistro, dass es jetzt kein essen mehr gibt – und fängt tatsächlich ein lamento über die vielen deutschen gäste an, die sie in diesem jahr haben…. also im blog zweimal daumen nach unten: für den fährmann und fürs campingbistro.

ansonsten:
wir sind wunderschön an der unstrut langgefahren. wir haben das krokodil gejagt, das hier sein unwesen treibt und wegen dem das paddeln verboten ist, aber wir haben es nicht erwischt.
wir haben in memleben die kloster- und kaiserpfalzruinen samt ausstellungen genossen. kaiser otto I. und andere sind hier gestorben. wir geniessen eine klostersuppe: leckere graupen-gemüse-suppe.
in der nebra-arche erfahren wir alles über die berühmte himmelsscheibe: wie sie hergestellt wurde, was sie bedeutet, wie raubgräber sie gefunden und zu verkaufen versucht haben, wie sie dann entdeckt, erforscht und restauriert wurde. spannend.
wir haben starenschwärme in der luft beobachtet, sie haben ganze gemälde an den himmel fabriziert.
wir haben am ende tatsächlich noch weinberge gesichtet, nachdem sie immer versprochen waren und wir es schon fast für ein märchen gehalten haben.
wir haben burgen und kirchtürme gegrüsst.
eigentlich wollten wir noch eine thüringer rostbratwurst essen, aber schwupps, kam da ein schild „auf wiedersehen in thüringen“ und wir sind nach sachsen-anhalt gefahren.

jetzt sind wir doch noch in naumburg angekommen und können die saale zuende radeln. mal sehn, wo’s uns noch hintreibt.

5. september: grüsse aus sömmerda

bad langensalza – gebesee – sömmerda – heldrungen: 68km

heute geht’s also zurück, unstrutabwärts: nochmal durch das wundersame naturtal. dann die baustelle vor herbsleben, diesmal auf der strasse schnell umgangen. brausen mit etwas rückenwind hinauf nach gebesee, vorbei an zuckerrübenbergen, die vorgestern noch nicht da waren. dann am damm nach ringleben.

die unstrut ist heute oft weit entfernt, wir radeln an anderen bächen im tal. aber egal, ob unstrut oder bäche: es geht oft einfach geradeaus: links wasser, rechts mais, rüben, abgeerntete felder. oder umgekehrt. ein mann gräbt mit blossen händen auf seinem äckerle kartoffeln aus.

wuutsch, sind wir nach 45 km pünktlich zum mittagessen in böblingens partnerstadt sömmerda. wir vespern an der dreyse-mühle. die kirchentür ist leider zu. trinken kaffee in der fussgängerzone. alles sehr ruhig und beschaulich – bis, ja bis die regenbogentour im städtchen ankommt: eine gruppe thüringer bürgermeister, die zugunsten der elternhilfe für kinder mit krebserkrankungen radeln. überall regenbogenfahnen. herr ramelow ist angekündigt. wir warten nicht auf ihn, machen uns wieder auf den weg.

felder, wiesen, flüsschen. kamikaze-fliegende jungreiher. bäume voller starengezwitscher. schwalben. ein reh. wenige radler. der himmel grau. es ist kühl und schwül gleichzeitig, sehr seltsam.

dann tauchen hügel auf. schnell verengt sich das tal. wir radeln durch die thüringer pforte mit den beiden sachsenburgen, eine weiter unten, eine ganz oben.

und schwupp, sind wir in heldrungen. obwohl es erst halb vier ist, bleiben wir hier auf dem einzigen kleinen „behelfs“-campingplatz weit und breit. zuerst „dreckbier“ und „dreckcola“. dann das zelt trocknen, das seit 5 tagen in der satteltasche matscht, das dauert. duschen. essen kochen. räumen. gucken wie’s weitergeht.
über uns kreisen drei reiher. zweimal guckt die sonne kurz durch die bleigrauen wolken. die bäume rascheln im lüftchen. die nachbarn grillen zusammen.
wir trinken heissen kakao mit keksen.

4. september: mühlhausener tour

bad langensalza -mühlhausen – bad langensalza: 53km

die unstrut fliesst durch flaches weites land, ein starker kontrast zu unseren bisherigen wegen im thüringer wald. endlose abgeerntete felder, mais und rübenäcker reihen sich aneinander. in den orten überall gänsescharen. starenschwärme bevölkern die bäume. die unstrut gesäumt von unzähligen weiden.

mühlhausen, ehemalige reichsstadt, grösste erhaltene altstadt nach erfurt, mit 11 gotischen kirchen, einer vollständig erhaltenen stadtmauer. und „müntzer-stadt“.
thomas müntzer kam auf der flucht vor den landesherren ins freie mühlhausen, heiratete hier seine ottilie, predigte und führte die komplett deutsche liturgie ein. es gab mit ihm die ersten sozusagen demokratischen wahlen, wo alle stände im rat der stadt vertreten waren. müntzer versuchte die gerechte stadt, sozusagen das reich gottes auf erden aufzubauen. seine revolutionären sozialen ideen riefen die fürsten auf den plan. müntzer rief zum bewaffneten widerstand auf. 8000 mann zogen mit ihm unter der von ihm gestalteten regenbogenflagge mit der aufschrift „gottes wort in ewigkeit“ in den krieg. bei der verheerenen schlacht bei frankenhausen wurden müntzers truppen in die flucht geschlagen. müntzer blieb unter der folter standhaft und wurde in mühlhausen hingerichtet. luther war einer seiner schärfsten gegner.
in der ddr dagegen wurde müntzer als sozialistisches vorbild stilisiert und verehrt. heute wird müntzers theologie weltweit erforscht und gewürdigt.

wir geniessen leckere zucchinipuffer, kuchen und den weltgrössten milchkaffee im bio-cafe mit lauschigem gärtchen.
wir haben eine „privatführung“. begehen die stadtmauer samt turm. bestaunen die st. marienkirche mit dem höchsten turm thüringens: imposant, hell, mit weiten gotischen bogen.
besuchen die bachkirche divi blasii mit schiefen türmen und einer orgel, die in den 50er-jahren mit unterstützung von keinem geringeren als albert schweitzer nach bachs eigener disposition gebaut wurde. ja, bach weilte hier nach arnstadt für ein jahr, bevor er schnell weiter an den weimarer hof wechselte.

war der hinweg flussaufwärts mit gegenwind gekrönt, ist der rückweg dafür umso schneller.

zum abschluss geniessen wir noch ein paar momente im wunderbaren japanischen garten (einer von 10 gärten) in bad langensalza.

3. september: von der gera an die unstrut

erfurt – gebesee – bad langensalza: 53km

die juhe in erfurt entlässt uns mit klassischem juhe-ost-charme: da geht man nicht nur zum lachen in den keller, sondern auch zum frühstücken. die stimmung ist entsprechend auch im keller….

also schnell raus – und über die langebrücke, wo auch schiller gewohnt hat, zum sonnigen domplatz mit marktständen. wir kaufen leckere muskattrauben. steigen die treppe hoch zum beeindruckenden dom und zur severinikirche.

dann ein bummel durch die altstadt, wieder zum augustinerkloster. heute, mit führung, kommen wir endlich rein. wir können den schönen kreuzgang geniessen. das dormitorium und den kapitelsaal anschauen. in der sonst so schlichten kirche, wie es für die augustinereremiten typisch ist, die goldgelbdominierten fenster bewundern. wenn man genau schaut, sieht man hier das vorbild der lutherrose, die er sich später als wappen gegeben hat.

es ist mittag, halb eins, bis wir erfurt langsam verlassen.
erstmal gilt es eine gut ausgeschildete umleitung abzufahren, da der geraweg wegen umbauten zur buga 2021 in erfurt gesperrt ist. wir lernen die aussenbezirke und vororte erfurts ein wenig kennen, radeln auch mal an der autobahn lang…
das letzte stück gera beschert uns dafür einen hübschen weg auf dem damm mit ständigem blick auf das flüsschen.

auf einmal sind wir in ringleben, hier zweigt der unstrutweg ab. wir nehmen die richtung flussaufwärts nach mühlhausen.
das müssen wir ein wenig büssen: mit kräftigem gegenwind und einer missglückten umleitung bei herbsleben: ein mann weist uns den falschen weg, die schilder seien falsch. wir radeln wieder ganz hoch und umgehen die baustelle nun auf einem wiesenweg, langsam und eher mühsam.

tierische ausbeute heute: fasane (!) (erst gestern hatten wir gesagt, dass die fasane hier fehlen, die wir in england täglich zuhauf hatten). störche. schwanenfamilien. später silberreiher und rehe.

nach grossvargula ist das unstrusttal sehr eng, ein naturschutzgebiet besonderer art. wundsersame einsamkeit, grosse alte weiden, wacholderheide-ähnliche hänge und alte apfelbäume begleiten den weg. wir geniessen.
am ende kommen wir am urigen „grill zum unstruttal“ raus, einem imbiss und biergarten mit hühnern, enten, brunnen und viel idylle. wir pausieren und stellen fest: wir sind schon ganz schön k.o.

also radeln wir nur noch bis bad langensalza. der nächste campingplatz wäre 18 km weiter… quartieren uns pünktlich mit regenbeginn im bett & bike-hotel ein.
und begehen nun doch noch unseren 38. hochzeitstag mit prosecco und leckerem essen beim italiener.

2. september: wenn nicht goethe, dann eben bach

ilmenau – geraberg – arnstadt – molsdorf – erfurt 57km

nur zwei mal kurz hoch, in ilmenau – runter durchs reichenbachtal – wieder hoch nach elgersberg – und schon sind wir an der gera (den radweg ganz oben rum nehmen wir nicht).

der radweg läuft hier fast immer dirket am flüsschen, ganz flach und leicht.
wir radeln durch weite wiesen und verschlafene fachwerkdörfchen.

und wir müssen hier mal sagen – das gilt für ganz thüringen, nicht nur für die gera: das ganze ist nahezu perfekt ausgeschildert. in jedem dorf eine grosse tafel zum radweg und den „sehenswürdigkeiten“, dazu mindestens eine überdachte tisch-bank-kombination. die wegequalität ist hoch, wenn man von den alten kopfsteinpflastern innerorts absieht, aber die sind ja historisch. umleitungen sind angezeigt. das ist super!

in dosdorf kurz vor arnstadt müssen wir bei der schafskäserei am ziegenried schnell anhalten, im hofladen einkaufen und ein schafsmilcheis probieren: malaga, köstlich! auch der schafscamembert stellt sich später beim vesper als sehr lecker heraus.

arnstadt als ältester ort thüringens wartet mit einer gigantisch schönen altstadt auf. mit wunderschönen winklen, grosszügigen plätzen und natürlich der bachkirche: johann sebastian war hier als jungspung mit 18 jahren. 1703-1707 war er organist. entsprechend witzig ist die skulptur von ihm, er lümmelt hier auf einem meilenstein, ganz anders als die gesetzten würdigen späteren bachbilder.
luther war natürlich auch in arnstadt (wie fast überall in thüringen hat er hier gepredigt).
das rathaus ein fürstlicher rot-goldener bau.
die eher noch renovierungsbedürftige oberkirche ist mit barocken naiven holzbildern an empore und fürstenloge bemalt, der taufstein ein riesiger baldachinähnlicher bau.

in ichtershausen „begegnet“ uns an der baufälligen geschlossenen kirche wilhelm hey: pfarrer, lied- und fabeldichter, 1789-1854. er gründete eine hilfskasse und fortbildungsschule für handwerker, sowie einen kindergarten (!). wir kennen ihn durch zwei lieder: „weisst du, wieviel sternlein stehen“ und das weihnachtslied „alle jahre wieder“.

in molsdorf rasten wir im weitläufigen schlosspark. das barockschloss selbst ist auf den ersten blick sehr schön. kommt man näher, sieht man erst, wie renovierungsbedürftig es ist…

wir radeln zwar weiter im grünzug der gera, aber es ist immer dichter besiedelt. schon passieren wir das ortsschild von erfurt. bis in die altstadt ist es aber noch ein stück.

erfurt.
ist einfach nur wow.
der fischmarkt mit dem rathaus.
die berühmte pittoreske krämerbrücke, die längste durchgehend mit häusern bebaute und bewohnte brücke europas.
die prächtig verzierten waidjunkerhöfe.
die engen gassen.
das augustinerkloster, martin luthers heimat als mönch. inzwischen ist es schon früher abend.
die kirchen haben geschlossen.
wir haben den domplatz und die zitadelle noch nicht erreicht. wir sind müde, essen noch was und radeln raus in die jugendherberge.
morgen ist auch noch ein tag.

1. september: in ilmenau, da ist der himmel blau…. – manchmal…

ilmenau

blauen himmel haben wir heute nicht gesehen. die berge des thüringer walds zum rennsteig hinauf auch nicht. nur wolken, nebelschwaden, regenschleier.

wir haben den propren waschsalon ilmenaus ausgiebig gesehen, inklusive automatencappuccino. wat mutt, datt mutt.

wir haben das goethemuseum gesehen. goethe hat in ilmenau nicht nur gedichtet – wir hören uns wanderers nachtlied in verschiedenen vertonungen an. er war ja als minister verantwortlich für ilmenau, er brauchte für den ritt von weimar her 6 stunden. er kümmerte sich um die bevölkerung und versuchte die armut zu mildern, indem er den von herzog carl august angestrebten kupfer- und silber-bergbau wieder anzukurbeln versuchte. die schon mittelalterlichen stollen liegen komplett unter der stadt. es dauerte 8 jahre, bis goethe die neue johannes-grube 1792 endlich eröffnen konnte. schon 4 jahre später aber kam der bergbau nach einem massiven wassereinbruch wieder zum erliegen, musste abgewickelt werden, 1815 wurden die stollen verfüllt.

die glasherstellung prägte ilmenau viele jahre. das veb-werk für technisches glas produzierte bis 1990. wir haben einen witzigen ddr-film gesehen. heute gibt es keine glasbläserei mehr.

was wir noch gesehen haben? die fussgängerzone. den intersportshop. das hotelzimmer von innen beim faulenzen. das lokal zum leckeren essen.
wir haben tief ins weinglas gesehen.

ja, in ilmenau, da ist der himmel blau, da tanzt der ziegenbock mit seiner frau!

31. august: über allen wipfeln…

oettern – stadtilm – ilmenau: 60km. kaum reiseradler hier unterwegs, schon gar nicht flussaufwärts.

nach einer regennacht mit wenig schlaf – der regen prasselt mit voller lautstärke auf die zelthaut – können wir im trockenen (nicht trocken!) das nasse zeug einpacken. wir haben glück: es bleibt den ganzen tag trocken, zur mittagszeit sogar etwas schwül.

im oberen ilmtal schlängelt sich die ilm idyllisch durch das wellige tal mit feldern und weiden. pferde, kühe, esel, schafe, ziegen und strausse – alles ist dabei. teils auf schmalen waldwegen, dann wieder mitten durch die felder, radeln wir durch den frühherbstlichen tag. die wolkenverhangene landschaft teilweise wie ein aquarell. die orte liegen an den hängen, immer noch mit den typischen schiefergedeckten kirchtürmen und vielen schieferfassaden. von den höhen grüssen burgtürme, kleine schlösser und güter.

wir kehren zu einem frühen mittagessen in kranichfeld in ein bistro ein, mit leckerem hausgemachtem essen. gestärkt geht es weiter, immer leicht fluss- und bergauf.

die kunst- und senfmühle kleinhettstedt, ein imposanter langer fachwerkbau mit einer beweglichen laderampe aus holz. mühlenladen und lokal montags leider geschlossen…

stadtilm wartet schon bei der einfahrt mit majestätischem domartigem doppelkirchturm auf. vor ort entpuppt sich st. marien als renovierungsprojekt seit 1999, das dach und einige fassaden schon neu, der rest baufällig und geschlossen.

die ilm, durch den nächtlichen regen kräftig angeschwollen, fliesst lustig über kleine wehre und über steinfurten. der radweg jetzt meist direkt entlang dem flüsschen. am ende sogar als fahrradstrasse – und schon sind wir in ilmenau zum nachmittäg-lichen bummel und kaffee.

goethe war hier 27 mal. und auf dem hausberg kickelhahn hat er das berühmte kleine gedicht geschrieben:

über allen gipfeln ist ruh. über allen wipfeln spürest du kaum einen hauch. die vöglein schweigen im walde. warte nur, balde – ruhest du auch.

ja, und wir ruhen jetzt für zwei nächte im schicken hotel tann: unsere klamotten und sachen trocknen. gemütlich duschen, warmhaben. zum abendessen forelle. urlaub eben. erholung vom outdoorstress.